Interview mit Pia-Rhona Saxe
Pia-Rhona Saxe ist eine Hörbuch- und Hörspielsprecherin, die den SINCLAIR-Fans jeden Monat in den Sozialen Medien das neue Hörspielabenteuer unseres Lieblingsgeisterjägers vorstellt. Darüber hinaus ist sie spätestens seit der Hörbuchumsetzung von Ian Rolf Hills Miniserie ATLANTIS LEGENDEN ein fester Bestandteil der SINCLAIR-Welt. Im folgenden Interview erfahren wir einige spannende Hintergründe zu Pias Werdegang als Sprecherin und ihrem Bezug zu JOHN SINCLAIR.
Liebe Pia, Du stellst nun bereits seit September 2024 auf unseren Social-Media-Kanälen jeden Monat das aktuelle SINCLAIR-Hörspiel vor. Weißt Du noch, wann oder in welchem Kontext Du das erste Mal auf unsere Audioproduktionen aufmerksam geworden bist?
Oha, das war ungefähr um 2012 herum. Zu der Zeit hatte ich persönlich eine schwere Zeit zu bewältigen und irgendwie brachte mir mein Vater eines Tages ein SINCLAIR-Hörspiel mit. Ich war wieder zurück nach Haus zu meinen Eltern gezogen und kam gerade nicht an meine Folgen der DREI FRAGEZEICHEN. Damals gab es ja noch kein Streaming. Ich weiß leider nicht mehr, welche Folge es war, aber sie war eine super Einschlafbegleitung für mich in der Zeit.
Kannst Du in Worte fassen, was genau Dich am JOHN-SINCLAIR-Universum anspricht?
Hach, ich hab dann ja nach diesem CD-Ereignis 2012 irgendwann angefangen, von vorn zu hören und ich mochte anfänglich einfach dieses ,,Monster of the week“-Prinzip, um das sich dann ja irgendwann die komplexen Geschichten und Verwicklungen aufgebaut haben. Dass sich unser Lieblingsgeisterjäger immer noch quasi in jeder Folge um ein neues Phänomen kümmert – oder auch altbekannten immer wieder begegnet – ist ja geblieben und das mag ich sehr.
Hast Du auch schon einmal einen SINCLAIR-Heftroman gelesen oder interessierst du dich in erster Linie für die Hörspiele?
Einmal, als wir mich vorgestellt haben auf Instagram :D Die paar Seiten aus dem Heftroman, den Social-Media-Manager Michael mir in die Hand gedrückt hat. Ich bin einfach ein Hörspielkind, höre immer noch oft zum Einschlafen, auch mit Mitte 30, anstatt im Bett zu lesen.
Du bist schon länger für LÜBBE AUDIO als Sprecherin für Hörbücher tätig, wodurch sich dann eines Tages im Rahmen einer Aufnahme der engere Kontakt mit der SINCLAIR-Crew ergab. Wie ist das gekommen?
Ich hab eines Tages bei LÜBBE Mittag gegessen und mit einigen Lektor*innen zusammengesessen. Dort kamen wir auf SINCLAIR und ich hab die Geschichte von der CD erzählt, die mein Vater mir geschenkt hatte. Und glücklicherweise stand die Tür von Michael aus dem SINCLAIR-Büro offenbar offen und er hat das gehört. Ich bekam eine Mail mit der Anfrage, ob ich die neuen Folgen präsentieren mag, und der Rest ist Geschichte.
Die Entscheidung, Deinen ursprünglichen Beruf aufzugeben und Sprecherin zu werden, fängt ja ein bisschen wie eine klassische Held*innenreise nach Jospeh Campbell an. Eines Tages kam ein älterer Mann mit langem Bart zu Dir ins Büro und führte Dich – um mal im Bild zu bleiben – wie Obi-Wan Kenobi oder Gandalf ins Abenteuer. Was war da passiert?
Der lange Bart ist dazugedichtet. Eine befreundete Autorin erzählt die Geschichte immer so, weil sie eben findet, dass es so besser zur Heldinnenreise passt und ich widerspreche einfach nicht mehr :D Also, ich hatte diesen älteren Herrn für eine Erbausschlagung bei mir, eigentlich ein sehr trauriger Anlass. Ich verlas das Protokoll und im Anschluss sagte er zu mir, ich hätte so eine angenehme Stimme, ich solle etwas anderes lesen als dieses dröge Zeug. Und da ich am Tag zuvor einen Podcast gehört hatte, in dem es um Berufung ging, und es dort hieß, wenn man seine Berufung finden will, solle man auf sein Umfeld hören, auch wenn man manche Worte und Signale sonst als noch so klein empfinden würde. Auf diesen Boden fiel die Bewertung des Mannes, die ich sonst sicherlich mit einem ,,Danke, sehr nett, alles Liebe für sie!“ angenommen und danach vergessen hätte. Und so hab ich mir stattdessen eben im Anschluss mein erstes Sprechertraining gebucht.
Jetzt schnippt man ja nicht so einfach mal mit dem Finger und erklärt sich selbst zur Sprecherin. Vielmehr ist das Ganze mit einer Ausbildung und viel Übung verbunden. Kannst Du unseren Leser*innen grob nachzeichnen, welchen Weg Du da gegangen bist?
Die Antwort hierauf schließt eigentlich unmittelbar an die auf die vorherige Frage an. Das ist nämlich das Ding: Eine schöne Stimme reicht allein einfach nicht. Das hab ich dann irgendwann auch festgestellt, als ich mein erstes Hörbuch nochmal gehört habe, das einfach GRUSELIG schlecht ist. Gruselig hier nicht im guten Sinne. Man muss einfach Geschichten erzählen LERNEN. Trotzdem ist es sicherlich gut, wenn man ein gewisses Selbstbewusstsein aus Unwissenheit mitbringt und sich deshalb nicht davon entmutigen lässt, in einen bereits gut gefüllten Markt reinzukommen. Ich hab dann Sprecherinnentraining bei renommierten Kolleg*innen genommen, die Branche und ihre Leute kennengelernt, anfänglich für kleinere Verlage gearbeitet, die mir Chancen eingeräumt haben, für die ich bis heute sehr dankbar bin, und mich dann, nach etwa 1,5 Jahren auch an größere Player wie BASTEI LÜBBE getraut. Außerdem hab ich zwei Jahre lang parallel in meinem alten Job im Amt und an meiner neuen Karriere gearbeitet (von der ich auch lang gar nicht wusste, dass es überhaupt eine werden würde; ich dachte lang, ich mach das einfach für immer nebenbei, haha). Das heißt ich hatte für ungefähr diese Zeitspanne 60-Stunden Wochen. Währenddessen hab ich auch meinen Podcast PIA LIEST ins Leben gerufen, in dem ich anfänglich fast ausschließlich Creepypastas (also per Internet verbreitete, lizenzfreie Gruselgeschichten) gelesen und daran geübt hab. Der Podcast speist sich inzwischen fast ausschließlich aus Gruselgeschichten, die fleißige Schreibende aus meiner Community einsenden. Irgendwann wurde dann klar, dass das Geschichtenerzählen vorm Mikrofon mehr ist als eine Nebenherbeschäftigung und ich habe den Schritt gewagt und mich aus meiner Verbeamtung auf Lebenszeit entlassen lassen. Lange Rede, kurzer Sinn: Eine schöne Stimme reicht lang nicht; es stecken viel Arbeit, bezahltes und unbezahltes Üben, Fortbildungen aus eigener Tasche, Akquise, Socializing und Netzwerken hinter einer Tätigkeit als Sprecherin.
Bevor Du ein Buch einsprichst, musst Du den Text durcharbeiten und Dir Gedanken über Dinge wie Aussprache und Betonung machen. Du musst Dich also intensiv mit dem jeweiligen Buch auseinandersetzen. Gibt es Genres, bei denen Dir das besonders viel Spaß macht?
Mein Herz gehört für immer der Fantasy, glaub ich. Da kann man den gesamten Werkzeugkasten der Sprecherei auspacken und ein Tool nach dem anderen zur Anwendung bringen; außerdem sind die Geschichten oft am komplexesten, weil es Worldbuilding, Magiesysteme und so etwas gibt. Thriller kommen auf Platz 2, weil das mein liebstes Genre ist, wenn es darum geht, was ich privat am liebsten selbst konsumiere. Ich liebe es aber generell einfach, mich intensiv mit den Geschichten zu befassen und sie vor der Arbeit im Studio schon einmal richtig seziert zu haben und sie im Detail verstanden und erkannt zu haben, bevor ich dann im Studio selbst die Herzarbeit machen und mich ganz in den Text fallen lassen kann, denn die Kopfarbeit habe ich vorher schon erledigt.
Wir sprachen eben schon über Deinen Podcast PIA LIEST. Gemeinsam mit Denise Hendersen hostest Du außerdem den True-Trime- und Mystery-Podcast STIMMEN IM KOPF, der bereits auf 186 reguläre Folgen zurückblickt. Der Fernsehsender TLC hat eine Staffel des Podcasts als TV-Sendung ausgestrahlt und ihr geht auch immer wieder mal auf Live-Tour. Um es mal auf den Punkt zu bringen: Das Projekt läuft ziemlich gut, oder?
Ja, der Podcast läuft sehr gut, wofür wir sehr dankbar sind. Im Gegensatz zu PIA LIEST, der sehr nischig ist, ist STIMMEN IM KOPF die Idee zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, die meine Podcastpartnerin Denise da 2019 hatte. Inzwischen gehen wir auf Tour – und nachdem unsere erste im Jahr 2024 restlos ausverkauft war, dürfen wir 2026 ab Ende Oktober ein Nümmerchen größer auf die Bühnen Deutschlands. Ich kann mir vorstellen, dass auch die SINCLAIR-Fans Gefallen an True Crime finden; vielleicht sehe ich ja manche von ihnen auf der Tour im Herbst.
Thematisch setzt Ihr Euch bei STIMMEN IM KOPF mit den schlimmsten Abgründen der menschlichen Psyche auseinander. Gelingt es dir da immer, einen gewissen journalistischen Abstand zu wahren, oder gibt es auch Fälle, die Dich schon ein wenig mitnehmen?
Ich habe das Glück, dass STIMMEN IM KOPF zu 80% aus der Feder meiner Freundin und Podcastpartnerin Denise kommt und ich in den meisten Fällen diejenige bin, die die Fälle von ihr präsentiert bekommt und mit ihr darüber diskutieren darf; daher ich bin oft journalistisch nicht so richtig beteiligt an Recherche etc. Ich kann aber sagen, dass es dennoch, sowohl wenn ich einen Fall präsentiert habe als auch in den Fällen von Denise durchaus welche gab, die mich länger verfolgt haben und sogar auch einen, bei dem ich explizit darum gebeten habe, nicht dabei zu sein, weil ich davon schon gehört hatte und ich wusste, dass ich das nicht mehr aus dem Kopf bekommen würde. Welcher das ist, müssen die Lesenden dieses Artikels wohl selbst herausfinden. Ich sage jetzt einfach mal so: Es lohnt sich, bei uns reinzuhören.
Du magst aber auch ein Genre, das ich jetzt mal als Cozy-Crime bezeichnen würde. Ich denke da an eine gewisse Jessica Fletcher, die Protagonistin aus MORD IST IHR HOBBY. Was gefällt Dir an dieser Serie besonders?
Ich verbinde mit MORD IST IHR HOBBY ein Stück meiner Kindheit. Ich hatte einen alten Röhrenfernseher meiner Eltern, mit einer geschätzten Bildschirmdiagonalen von etwa 12 cm und hintenraus einer Länge von etwa 30 cm bestimmt. Angeschaltet wurde er mit einem Druckknopf am Ende der Röhre. Mit ungefähr 10 Jahren oder so lag ich also unzählige Male mit der Hand auf dem Knopf in meinem Bett. Dabei konzentrierte ich mich mit einem Ohr auf den Fernseher und mit dem anderen auf den Flur meines Elternhauses, während ich auf Super RTL MORD IST IHR HOBBY schaute und lauschte, ob meine Eltern die Treppe runterkommen, damit ich den Fernseher schnell ausschalten konnte. Es war ja längst Schlafenszeit. Hat nie einer gemerkt, ich weiß gar nicht, ob sie es bis heute wissen. Sorry, MaPa!
Mit STIMMEN IM KOPF gehst Du – wie eben angesprochen – auf Tour und Du hast auch schon bei einem PROFESSOR ZAMORRA-Live-Hörspiel mitgewirkt. Wie ist das für Dich, wenn Du auf der Bühne vor einem Live-Publikum stehst?
ICH LIEBE ES. Ich bin kurz vorher immer wirklich sehr angespannt und nervös, aber wenn es dann losgegangen ist; wenn ich merke, dass die Menschen dort mir wohlgesonnen sind, dass Unperfektheit verzeihlich ist und Authentizität etwas ist, wofür ich geschätzt werde, gibt es kaum ein schöneres Gefühl. Und natürlich ist es immer noch ein Stück unglaublich, dass es Menschen gibt, die sich die Zeit nehmen, sich von mir (und natürlich meinen tollen Kolleg*innen) unterhalten zu lassen. Ich glaube, das wird immer ein Abenteuer bleiben und nie selbstverständlich für mich sein.
Hast Du schon einmal mit dem Gedanken gespielt, Dich als Schauspielerin zu versuchen?
Ich habe großen Respekt vor der Handwerkskunst des Schauspiels (und keine Zeit, eine entsprechende Ausbildung zu machen), deshalb tu ich mich schwer mit diesem Gedanken. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, dass es ein hartes Brot ist, sich eine Kunst autodidaktisch anzueignen – und es ist ein himmelweiter Unterschied für mich, ob ich mich stimmschauspielend hinter einem Mikro verstecken kann, oder ob auch der Rest von mir mit abliefern muss. Ich bin sehr neugierig und würde mich auf jeden Fall darauf einlassen, aber ich wüsste nicht, an welcher Stelle und ich hätte eben großen Respekt und Ehrfurcht.
Wo wir eben zu Hörspielen zurückgekehrt sind: Du hast bei dem Improvisations-Hörspiel 114 ETAGEN mitgewirkt, bei dem Du spontan entscheiden musstest, was Du wann sagst, ohne dass Dir ein Manuskript mit vorbereitetem Text vorlag. Was war das für eine Erfahrung?
Das war superwitzig. Dieser Tag, an dem wir aufgenommen haben, war einfach nur wundervoll. Das Einzige, was wir an die Hand bekommen haben, war ein bestimmter Hinweis zu unserer Rolle, den wir hörbar machen sollten. Ich hatte in 114 ETAGEN den Tick, immer das Ende eines Satzes nochmal zu wiederholen. In dem Zusammenhang auch noch eine Anmerkung zur Frage davor: Hier hab ich gemerkt, wie schwer es mir z.B. fiel, in der Interaktion mit meinen Spielpartner*innen ernst in der Rolle zu bleiben und nicht in lautes Gelächter auszubrechen.
Zum Abschluss dürfen wir an dieser Stelle vielleicht ein wenig spoilern, weil es gerade so schön passt: Hört man Dich demnächst womöglich auch einmal in einem SINCLAIR-Hörspiel?
Merkt euch Folge 193. Ich hatte so viel Spaß bei den Aufnahmen und hoffe, eines Tages nochmal in diese Rolle schlüpfen zu dürfen!
Liebe Pia, vielen Dank für das spannende Interview!