Im Tonstudio (offensichtlich): Dennis Ehrhardt, vorn im Bild, und Sebastian Breidbach beim Signieren von "Sinclair - Dead Zone". © TOR ONLINE

Manuskripte, Ideen und Stolpersteine: Ein Interview mit Dennis und Sebastian, den Autoren von "Sinclair: Dead Zone"

Der kultige Geisterjäger John Sinclair kehrt zurück: Im Mystery-Thriller „Sinclair: Dead Zone“ beginnt die Geschichte noch einmal ganz neu – mit düsterem Dreh. Gemeinsam mit Sebastian Breidbach, mit dem er die Story entwickelt hat, beantwortet Autor Dennis Ehrhardt die dringendsten Fragen zum Projekt.

TOR ONLINE: Zunächst einmal zu euch: Ihr seid in der Sinclair-Gemeinde ja keine Unbekannten, macht seit Jahren die JOHN SINCLAIR-Hörspiele und kennt die Szene gut. Wann und wie seid ihr auf den Gedanken gekommen, dass ihr SINCLAIR schreiben wollt – und dann auch noch völlig neu?

DENNIS EHRHARDT: Der Gedanke kam bei einem der unzähligen Telefonate, die wir regelmäßig zu den Hörspielen führen. Wir werfen da oft Ideen hin und her, und regelmäßig verwerfen wir sie wieder, weil sie nicht zur klassischen Serie passen. Irgendwann haben wir dann überlegt, diese Ideen in einer neuen, gänzlich anderen Serie umzusetzen. Daraus ist dann SINCLAIR geworden.

SEBASTIAN BREIDBACH: Wobei wir zunächst nur daran gedacht haben, SINCLAIR in Form einer Hörspielserie zu veröffentlichen. Mit dieser Idee sind wir an Lübbe Audio herangetreten, wo ja auch die reguläre JOHN SINCLAIR-Hörspielserie erscheint. Die Idee zum Buch kam erst später.

Ihr werbt mit dem Slogan: Ein neuer Anfang für John Sinclair. Das ist ja so eine zweischneidige Sache: JOHN SINCLAIR gibt es jetzt seit ungefähr 45 Jahren. In dieser Zeit sind beinahe 2.500 Romane erschienen. Da könnte man auch sagen: Hat ja offenbar funktioniert, warum nicht einfach weiter so?

SB: Es wird mit der regulären Serie ja auch weitergehen. Unser SINCLAIR hat keinen Einfluss auf JOHN SINCLAIR, weder auf die Inhalte noch die Erscheinungsweise der regulären Serie. Wir wollen nicht das Original angreifen oder eine Konkurrenz schaffen. Vielmehr wird SINCLAIR eine alternative Version der Geschichte um den Geisterjäger werden.

DE: Wie würde JOHN SINCLAIR aussehen, wenn wir es entwickelt hätten – und zwar heute. Das war unsere Leitidee. Wir zeichnen zum Beispiel die Figuren detaillierter und schaffen einen stärkeren horizontalen Erzählbogen über die gesamte Serie hinweg.

Diese „Modernisierung“ zeigt sich bei SINCLAIR ja schon beim Cover, das nicht in klassischem Schwarz-Gelb gehalten ist wie beim Original. Habt ihr bestimmte Vorbilder, nach denen ihr die Serie auch ästhetisch gestaltet habt?

SB: Wir möchten der Serie einen guten Schuss Mystery verpassen, so dass sich verschiedene Teile der Handlung im Laufe der Serie nach und nach wie ein Puzzle zusammensetzen. Das gilt vor allem für den übernatürlichen Aspekt der Geschichte. Als Inspiration einer solchen Erzählweise kann man hier natürlich Serien wie Lost, Fringe oder auch Heroes nennen.

DE: Gleichzeitig gibt es da den „realen“ Teil der Geschichte: Wir haben John und seine Kollegen aus dem Elfenbeinturm des Scotland-Yard-Hauptquartiers geholt und auf die Straße in das Gang- und Drogenmilieu des Londoner Stadtteils Newham verfrachtet. Wenn dann in diese schmutzige, unübersichtliche Welt auch noch das Übersinnliche einbricht – das macht aus unsere Sicht den großen Reiz der Geschichte aus.

Ihr beschreibt Newham sehr genau; der Stadtteil wirkt tatsächlich unglaublich lebendig. Habt ihr vor Ort recherchiert? Wie wichtig war die Stadt als Schauplatz für die Geschichte?

DE: Es war natürlich gewissermaßen Pflicht, die Serie in Anlehnung an die Originalserie ebenfalls in London starten zu lassen. Wobei es dabei nicht bleiben wird ... Wir haben uns dann die Zeit genommen und einige Stadtteile angesehen, die es nicht in die üblichen Touristenführer schaffen. Newham hat uns dabei sofort gepackt, weil es dort alles gibt: die sozialen Brennpunkte, die Kriminalität, aber auch das abgehobene „reiche“ London mit den angrenzenden Geschäftsvierteln wie Canary Wharf und dem neu errichteten Olympiagelände.

SB: Bei der Hörspielumsetzung haben wir sehr viele originale Sounds verwendet: zum Beispiel die unheimlichen Echolaute im Woolwich-Fußgängertunnel unter der Themse, der in der Handlung eine wichtige Rolle spielt, oder auch die vollautomatisch gesteuerte neue Hafenbahn Dockland Light Railway. Zu diesem Zweck habe ich eine Woche lang Aufnahmen an allen relevanten Orten gemacht. Das verändert das Erlebnis beim Hören natürlich maßgeblich, wenn man weiß, dass alles so klingt, als wäre man selbst vor Ort.

Da ihr es gerade ansprecht: Wie genau kam es dann zu der Idee, die Geschichte in zwei Formaten – Buch und Hörspiel – zu erzählen?

SB: Wie gesagt, zunächst hatten wir die Geschichte als reines Hörspielprojekt geplant. Beim Entwickeln der Handlungsfäden wurde uns aber schnell klar: Das wird ein ganz schön komplexes Ding. Die Idee, das Ganze auch als Buch zu bringen, in dem man beispielsweise auch ein bisschen umfangreicher auf Figuren oder bestimmte Aspekte der Handlung eingehen kann, lag natürlich nahe.

DE: Wenn man das Endergebnis betrachtet, ist die Hörspielfassung vielleicht ein bisschen unmittelbarer: Man taucht direkt akustisch ein in die neue SINCLAIR-Welt. Dafür sind die zehn Stunden Hörspiel der ersten Staffel aber auch schneller vorbei als das Buch, das sich hier und da noch einen Schlenker in der Erzählung erlaubt. Um SINCLAIR in vollem Umfang zu genießen, braucht man also auf jeden Fall beides! :-)

Wie lief die Zusammenarbeit zwischen euch beiden?

SB: Wir haben zunächst all unsere Ideen zusammengetragen, die Figuren besprochen und eine grobe Handlungsübersicht erstellt. Dann hat sich Dennis in sein Schreibzimmer eingeschlossen und daraus ein erstes Buch geschrieben. Dieses Buch war dann Gegenstand unzähliger, nächtelanger Diskussionen, in denen wir Handlungen hin und her geschoben, verändert, gestrichen oder neu konzipiert haben.

DE: Was sich hier so locker-flockig anhört, war für mich persönlich eine ziemliche Katastrophe. Ich hatte natürlich gehofft, dass dieses erste Buch auch gut werden würde. Das war aber nicht der Fall, weil zu viele Details in Figurenzeichnung und Plot noch zu schwammig waren oder sich im Laufe des Schreibens in neue Richtungen entwickelt haben. Also haben wir am Ende die Notbremse gezogen und uns ein Jahr länger Zeit genommen, um diese erste Manuskriptfassung grundlegend zu überarbeiten und zu guten Teilen auch zu ersetzen. Ein Handlungsstrang ist zum Beispiel komplett herausgeflogen und wird erst in einem (möglichen) dritten oder vierten Buch verarbeitet werden ...

SB: Nachdem das Romanmanuskript fertiggestellt war, hat Dennis auf dieser Grundlage die Hörspielskripte erstellt. Und auch bei den Aufnahmen und der anschließenden Vertonung gab es einige Stolpersteine zu überwinden, bis wir beide zu 100 % zufrieden waren.

DE: Eigentlich sollten die Hörspiele ja parallel zum Buch erscheinen, und zwar eine Folge alle zwei Wochen. Wahnsinn! – Am Ende mussten wir den Hörspieltermin sogar noch einmal auf April verschieben, weil wir Lübbe in langen Diskussionen davon überzeugt hatten, dass es gut wäre, wenn wir auch das Artwork der CDs selbst gestalten.

Habt ihr Angst, wie die alteingesessenen JOHN SINCLAIR-Fans darauf reagieren? Totale Ablehnung, anonyme Morddrohungen, abgeschnittene Pferdeköpfe auf der Fußmatte ... Man weiß ja nie.

DE: Natürlich würden wir uns über einen Erfolg freuen, und die Meinung der Leute ist uns schon wichtig – aber nur bis zu einem gewissen Grad. Denn dieses Projekt hat ins uns geschlummert, wir haben es geformt und ans Tageslicht gebracht. Wenn es jemand anderes nun aus irgendeinem Grund voll doof findet, dann ist das halt so.

SB: SINCLAIR will die reguläre Serie ja wie gesagt nicht ersetzen, sondern das JOHN SINCLAIR-Universum erweitern. Als Fan kann man sich über beide Serien freuen.

Vielen Dank fürs Interview.

Das Interview wurde zuerst auf TOR ONLINE am 06.02.2019 veröffentlicht.